Genetik

Einleitung

Im Jahr 1975 definierte das Ad-hoc-Komitee für genetische Beratung der amerikanischen Fachgesellschaft für Humangenetik genetische Beratung folgenderweise:

"Die genetische Beratung ist ein Kommunikationsprozeß, der sich mit menschlichen Problemen befaßt, die verknüpft sind mit dem Auftreten oder dem Risiko des Auftretens einer genetischen Erkrankung in einer Familie. An diesem Prozeß sind eine oder mehrere geschulte Personen beteiligt, die versuchen, dem Individuum und der Familie zu helfen,

  • die medizinischen Fakten, einschließlich der Diagnose, des mutmaßlichen Verlaufes der Erkrankung und der zur Verfügung stehenden Behandlung zu erfassen
  • den erblichen Anteil der Erkrankung und das Wiederholungsrisiko für bestimmte Verwandte zu begreifen
  • die verschiedenen Möglichkeiten, mit dem Wiederholungsrisiko umzugehen, zu verstehen
  • eine Entscheidung zu treffen, die einerseits ihrem Risiko und andererseits ihren familiären Zielen entspricht und in Übereinstimmung mit dieser Entscheidung zu handeln, und
  • sich so gut wie möglich auf eine genetische Erkrankung eines Familienmitgliedes und/oder auf ein Wiederholungsrisiko der Erkrankung einzustellen

Ablauf der genetischen Beratung

Der Ablauf einer genetischen Beratung läßt sich in drei Abschnitte gliedern:

Genetische Diagnostik

Die genetische Diagnostik ist häufig wesentlich genauer als eine klinische Diagnostik (z.B. Heterogenie bei klinisch gleichen oder ähnlichen Phänotypen). Neben guten klinischen Befunden ist eine Familienanamnese mit Stammbaum eine wichtige Voraussetzung für die genetische Diagnostik. Ggf. können Untersuchungen von weiteren Familienmitgliedern erforderlich sein. In jüngster Zeit haben molekulargenetische Laboruntersuchungen Bedeutung in der genetischen Diagnostik gewonnen. Mit Hilfe der in der Gentechnik entwickelten Methoden ist es möglich, einzelne Abschnitte der DANN gezielt zu untersuchen. Sofern die Mutation bekannt ist, kann ein direkter Gentest erfolgen, der i.d.R. auch differentialdiagnostische Aussagen zuläßt. Bei den anderen Erbkrankheiten, bei denen nur der Genort bekannt ist, kann häufig mit einem indirekten Gentest mit Hilfe von sog. Markergenen die genetische Diagnostik durchgeführt werden. Beim indirekten Gentest ist immer eine Familienuntersuchung erforderlich, und beim Index-Patienten muß die Diagnose vorher klinisch gestellt sein.

Risikoschätzung

Aufgrund der vorliegenden Befunde (Stammbauminformation, klinische Befunde, Laborparameter) kann ein Wiederholungsrisiko geschätzt werden. Bei den monogenen Erberkrankungen sind die Mendel-Erbregeln Grundlage dieser Risikoschätzungen. In anderen Fällen stehen nur empirische Risikoziffern zur Verfügung (z.B. bei der multifaktoriellen Vererbung von Neuralrohrdefekten).

Wichtige neurologische Erberkrankungen für die ein Gentest verfügbar ist

Legende: Erbgang: AD=Autosomal dominant, AR=Autosomal rezessiv, Bestimmung d=direkt, i=indirekt, di=direkt und indirekt

Die Referenzen weisen auf die Seiten der LMU-München

  • Alzheimer Erkrankung (familiär): AD i
  • Amyotrophe Lateralsklersoe (familiär): AD di
  • Charcot-Marie-Tooth (Typ 1A): AD di
  • Charcot-Marie-Tooth (Typ 1B): AD i
  • Charcot-Marie-Tooth (X-chromosomal): XD di
  • Chorea Huntington: AD di
  • Fragile-X-Syndrom (Martin-Bell-Syndrom): XD di
  • Friedreich-Ataxie: AD i
  • von Hippel-Lindau-Syndrom: AD di
  • Lesch-Nyhan-Syndrom: XR di
  • Muskelatrophien
    • Werdnig-Hoffmann (SMA Typ I): AR i
    • intermediärer Typ (SMA Typ II): AR i
    • Kugelberg-Welander (SMA Typ III): AR i
    • spinale u. bulbäre MA (Typ Kennedy): XR d
  • Muskeldystrophien
  • Myotonien
    • generalisierte Myotonie (Becker): AR di
    • Myotonia congenita (Thomson): AD di
    • Paramyotonia congenita: AD di
    • hyperkaliämische periodische Paralyse: AD di
  • Neurofiboromatose Typ 1 und 2: AD i
  • Pelizaeus-Merzbacher-Syndrom: XR di
  • Retinitis pigmentosa: AD

Informationsweitergabe

Aufgabe der Beratung ist es, dem Ratsuchenden eine so umfassende Information über seine Probleme zu geben, dass er selbständig seine Entscheidungen treffen kann (nicht-direktive Beratung). Es wird auch geprüft, ob bei Eintritt einer Schwangerschaft eine vorgeburtliche Diagnostik (z.B. Chorionzottenbiopsie, Fruchtwasserpunktion, Fetoskopie oder spezielle Ultraschalluntersuchungen) möglich ist. Jede Beratung sollte mit einer ausführlichen schriftlichen Zusammenfassung des Beratungsgesprächs für den Ratsuchenden abgeschlossen werden.

Indikation zur genetischen Beratung

Jeder der Bedenken hat, Kinder mit Fehlbildungen oder genetisch bedingten Erkrankungen zu bekommen, sollte sich beraten lassen. Gründe für eine genetische Beratung können sein:

  • der Ratsuchende ist selbst erkrankt
  • ein Kind hat eine angeborene Fehlbildung
  • in der Verwandtschaft liegt eine Erbkrankheit vor
  • zwei oder mehr ungeklärte Fehlgeburten
  • während der Schwangerschaft besteht eine mögliche Umweltbelastung
  • z.B. Medikamenteneinnahme
  • oder Strahlenbelastung
  • erhöhtes Alter der Eltern
  • z.B. Frauen über 35LJ steigt Risiko, ein Kind mit einer Chromosonenveränderung zu bekommen

Weitere Informationen über Patientenberatung gibt die Site der LMU-München.

 

 

"Genetik" auf www.neuroscript.com - letzte Änderung am 17.11.2007;  Webmaster: Dr. Wolfgang Kubik (Neurologe)  - Dieses Skriptum ist ausschließlich für Ärzte und Medizinstudenten gedacht. Sind Sie Laie oder suchen Sie Hilfe als Patient, wenden Sie sich bitte an den Arzt Ihres Vertrauens - nähere Info siehe Haftung.
Information über Rehabilitation finden Sie ab Oktober 2007 unter www.neuroreha.info